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O1. Nie wieder Nudelsuppen servieren!

Teuchi stand in der Küche, als seine Tochter Ayame aus dem Vorratskeller kam und ihm schweigend das schwarze Klemmbrett mit den Beständen überreichte. Er nahm es ebenfalls schweigend an und ging dann einfach ohne weiteres nach vorne zu den Gästen, um sich zu vergewissern, dass alles in bester Ordnung war.
Ayame war nicht gut drauf und hatte die Schnauze voll im Restaurant zu arbeiten. Sie konnte keine Nudeln mehr sehen und hatte seit Wochen Rückenschmerzen vom vielen Arbeiten bekommen. Ihre Arbeit erfüllte sie nicht und mit jedem Tag wurde ihre Laune noch schlechter. Am Anfang hatte sie ja noch keine Probleme damit gehabt, aber jetzt arbeitete sie schon fast ihr ganzes Leben in dem Laden ihres Vaters und das hatte sie nicht geplant. Seit einem Monat bemerkte sie, dass sie sich immer wieder in einem Tief befand und nicht mehr glücklich war. Ihre Freundin meinte, sie hätte vielleicht Depressionen. Das Schlimme aber war, dass sie langsam den Wunsch verspürte ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Immer wenn sie hinten in der Küche stand, nahm sie sich eines der scharfen Messer und hielt es sich an ihre Pulsader. Den Mut zuzustechen hatte sie jedoch nie. Manchmal ertappte sie sich auch dabei, wie sie die Schmerztabletten ihres Vaters zu lange betrachtete. Die ganze Packung würde sie definitiv umbringen. Aber Tablettenschlucken konnte sie noch nie leiden und die ganzen 50 Stück würde sie erst recht nicht runterbekommen, egal wie verzweifelt sie war. Ein verstörender Abgang würde ihr aber auch sehr gefallen. Einfach eine Pistole kaufen und sich mitten im Laden das Gehirn aus dem Kopf schießen. Die Gäste wären für ihr ganzes Leben traumatisiert. Aber das wäre leider schlecht für's Geschäft, also ließ sie diese Idee lieber sein. Doch eines Tages wäre sie weg und dann hätte sie endlich ihre Ruhe. Dann hieß es nie wieder Nudelsuppen servieren!

Ayame hatte sich letzte Woche mit ihrem Vater gestritten. Er bestrafte sie seitdem mit Schweigen. Sie tat dies ebenfalls und versuchte ihren alten Herren so gut es ging zu ignorieren. Ihr Vater verstand sie einfach nicht. Er hatte überhaupt kein Einfühlungsvermögen. An manchen Tagen wünschte sie sich so sehr ihre Mutter herbei, aber diese war mit ihrem neuen Ehemann in eine andere Stadt gezogen, sechs Stunden von Konoha entfernt. Am Anfang hasste sie ihre Mutter und nahm es ihr übel, dass sie sie verließ. Aber wenn sie heute an die Umstände von damals dachte, konnte sie ihre Mutter doch verstehen. Ihr Vater war leider nicht immer so freundlich und liebevoll, wie er sich ständig im Restaurant oder auf der Straße zeigte. Er konnte überaus aggressiv und jähzornig werden. Nicht selten wurde er gegenüber ihrer Mutter sogar handgreiflich. Genau drei Mal ertrug ihre Mutter die Schläge, beim vierten Mal rief sie die Polizei. Natürlich spielte er den Unschuldigen und leugnete seine Tat. Seltsamerweise glaubte die Polizei ihm. Als ihre Mutter diese Ungerechtigkeit der Justiz am eigenen Leib erfahren musste, ließ sie sich von ihrem Mann scheiden und heiratete wenige Monate später einen Arbeitskollegen von ihr. Damals war Ayame 9 Jahre alt gewesen. Ob die beiden nicht schon länger etwas miteinander hatten, wusste Ayame nicht, aber sie hatte immer ein merkwürdiges Gefühl, wenn sie diesem Mann begegnete. Das Sorgerecht bekam schließlich Teuchi. Er setzte sich dafür ein und ließ seine Frau vor dem Gericht als unfähige Mutter dastehen. Selbst hier glaubte ihm der Richter. Nicht einmal Ayame konnte sich dies erklären und wunderte sich bis heute über die Entscheidung. Sie selbst war jedoch nie Opfer irgendwelcher Wutausbrüche oder Gewaltanwendungen seitens ihres Vaters gewesen. Zu ihr war er anders. Schließlich war sie sein eigen Fleisch und Blut. Wenn er sie bestrafte, dann immer nur in Form von Schweigen. Dies konnte sogar mehrere Tage so gehen, was Ayame oft sehr traurig machte. Teuchi bevorzugte Strafen auf psychischer Ebene bei seiner Tochter. Trotz allem liebte sie aber ihren Vater und vermisste ihre gemeinsamen Gespräche, auch wenn er so merkwürdig war. Sie glaubte auch, dass ihr Vater mittlerweile seine Aggressionsprobleme in den Griff bekommen hatte und voll und ganz ein friedvoller Mann war.

Heute ließ sie sich nicht mehr von ihren Gefühlen aufhalten. Ihr Vater war im Unrecht und das wollte sie ihm zeigen. Sie war es auch, die mit der Schweigebestrafung anfing. Das hatte sie noch nie getan. 
„Matsu? Hast du endlich die Vorräte kontrolliert?“, Nishi kam stolpernd mit fünf leeren Schüsseln in die Küche und stellte diese ab, bevor er sich mit einer Serviette den Schweiß von der Stirn wischte. Seine Frage war eigentlich an Matsu gerichtet, doch dieser war heute nicht zur Arbeit erschienen, wovon Nishi nichts wusste. Matsu hatte sich heute morgen krank gemeldet, woraufhin Ayame für ihn einsprang und die Vorratskontrolle übernahm. 
Nishi sah von den schmutzigen Schüsseln auf und erblickte die stellvertretende Chefin. Er sah sie verwundert an und fragte sie, was sie hier denn mache, denn schließlich hätte sie doch eigentlich Urlaub. So stand es zumindest auf dem Plan.

„Ich bin eingesprungen, als ich gehört habe, dass Matsu nicht kommen würde.“

„Oh.“, sagte Nishi. „Tut mir Leid für die Umstände. Ich bin mir sicher, er kommt morgen wieder. Hat wahrscheinlich gestern Abend nur zu viel gesoffen oder so.“ Er fing an die Schüsseln zu spülen. Heute mussten ausnahmsweise sehr wenige Gäste da sein, wenn Nishi nur fünf Schüsseln sauber machte, dachte sich Ayame. Normalerweise war das Nudelrestaurant ihres Vaters zum bersten voll und nicht selten mussten  die Gäste sogar im voraus Tische reservieren, um seine Nudelsuppen probieren zu können. Damals, als nur ihr Vater und sie einen kleinen Stand hatten, entwickelte er mit der Zeit mehrere verschiedene Gerichte und bot diese dann in seiner neuen Speisekarte an. Der Zuspruch und die Nachfrage war so groß gewesen, dass er sich mit dem verdienten Geld ein eigenes Restaurant kaufen konnte. Teuchi dachte oft an seinen allerersten Schnellimbissstand, der ihm viel zu klein war und höchstens sechs Gästen Platz bot. Es hatte etwas nostalgisches.

Ayame gab zu verstehen, dass sie sich kurz im Hinterzimmer hinlegen würde, da sie sehr müde war. Wenn sie sich schon nicht umbringen konnte, dann würde sie sich wenigstens für einige Minuten in ihre Traumwelt flüchten. Nishi nickte nur und versicherte, dass er sich um alles kümmern würden, solange sie schlief.

 

~ ~ ~


Daiki schlenderte die Straße entlang und gähnte herzhaft. Er war müde und hatte die letzte Nacht überhaupt nicht gut geschlafen. Normalerweise schlief er wie ein Stein und ihn aufwecken war beinahe unmöglich. Selbst wenn die Welt unter gehen würde, würde er immer noch seelenruhig im Bett liegen und wie ein Baby schlafen, doch gestern hatte er kein Auge zu bekommen. Seine Nachbarn, ein junges Ehepaar direkt über ihm, waren wieder einmal viel zu laut gewesen und am liebsten wäre er zu ihnen hoch gegangen und hätte gegen ihre Türe gehämmert, um sie dazu zu bringen mit dem Geschrei aufzuhören, aber das ließ er dann doch lieber bleiben.
Er gähnte wieder und rieb sich die Augen, wobei er fast über einen Stein gestolpert wäre. Nicht das erste Mal. Seine Nachbarn waren jedoch nicht der einzige Grund für seine verdammte Müdigkeit. Ryusei hatte ihn gestern Nacht wieder aufgesucht und es sich bei ihm gemütlich gemacht. Ohne vorherige Ankündigung versteht sich. Das kam ziemlich oft vor und Ryusei interessierte es nicht die Bohne, ob er gerade erwünscht war oder nicht. Vor allem nicht, wenn es darum ging in Daikis Wohnung einzubrechen. Türen schienen nicht so sein Ding zu sein, dafür lockten ihn offene Fenster an, wie einen Unterwäschedieb auf Beutezug. Meistens rauchte er ihm dann die ganze Bude voll, die dann tagelang nach seinen Zigaretten stank. Daiki musste seinem Vermieter sogar mehrmals versichern, dass er tatsächlich Nichtraucher war, so wie er es im Mietvertrag auch wahrheitsgemäß verzeichnet hatte. Sein Vermieter hatte nämlich ein Problem mit Raucher und wollte keine in seinen Wohnungen haben. 
Es war nicht so, dass Ryusei keine eigene Wohnung gehabt hätte, im Gegenteil, er besaß sogar eine viel größere und hübschere Wohnung als Daiki, aber in dieser war er äußerst selten. Eigentlich war es sogar viel wahrscheinlicher ihn draußen im Wald anzutreffen, als bei sich zu Hause.
Oder der Yukatatragende verbrachte die Nächte lesend oder nachdenkend in seiner Kneipe, mit dem ein oder anderen betrunkenen schlafenden Gast. 
Gestern entschied er sich jedoch seinen neurotischen besten Freund zu besuchen. Er hatte die letzten Tage nur mit Arbeiten verbracht und sehnte sich nach "richtiger" Gesellschaft. Seine Stammgäste waren zwar alle sehr nett, zumindest mussten sie sich benehmen, denn sie waren sich alle mehr als nur bewusst, wie der 22 Jährige sein konnte, wenn man ihm auf die Nerven ging, doch er wollte einfach wieder ein richtiges niveauvolles Gespräch führen, mit Worten, die nicht betrunken dahergelallt wurden und Sinn ergaben.

Sonntagnacht schloss er die Kneipe etwas früher und beförderte alle Gäste, die sich weigerten zu gehen zusammen mit seinem Mitarbeiter vor die Türe. Gewalt stand bei ihnen an der Tagesordnung und die Dorfbewohner wunderten sich schon nicht mehr, wenn es in dieser Kneipe zu laut wurde oder gar Stühle aus der Türe geflogen kamen. Dann beehrte er Daiki mit seiner Anwesenheit und hielt ihn die ganze Nacht lang wach, indem er ihm von seinem neuen Buch „Forensik für Dummies“ erzählte. Der Schwarzhaarige hatte ihm sogar mehrere Kapitel über Verwesungen, Leichenstarre und Todesursachen vorgelesen, worüber Daiki nicht gerade glücklich war. Diese Themen lösten bei ihm immer eine Gänsehaut aus, auch wenn er sie interessant fand. Generell war Ryusei sehr in dieses Thema vernarrt. Diese Vorliebe konnte ihm bis jetzt keiner nehmen. 

Plötzlich vibrierte Daiki Hosentasche wieder und unterbrach seine Gedankengänge. Er blieb stehen und holte sein Handy heraus. Er wurde angerufen, aber die Nummer war unbekannt. Normalerweise ging er nicht ran, wenn er von Unbekannten angerufen wurde, weil ihm das zu suspekt war und drückte sie immer weg. Er ließ das Handy für einige Sekunden klingeln und starrte es an. Vielleicht war es ja doch wichtig? Oder er hatte im Lotto gewonnen und man wollte ihm dies mitteilen? Letzten Endes besiegte ihn seine Neugier und er ging doch ran.
„Hallo?“
„Daiki! Na endlich, du Depp!“, meldete sich eine tiefe Stimme, die er nur allzu gut kannte.
„Shio, was zum?! Was ist das denn für eine Nummer?“, fragte der Braunhaarige verwirrt.
„Ach, das Handy hier gehört nicht mir.“, antwortete Yoshio hörbar nach Atem ringend. Er schien sich gerade körperlich zu betätigen. Im Hintergrund hörte er plötzlich einen Schmerzensschrei. „Was war das?!“, wollte Daiki sofort wissen. Dann wieder ein Schrei und Geräusche, die klangen, als würde jemand verprügelt werden. „DU KLEINER BASTARD!! ICH HABE KEINE ANGST VOR DIR!!“, schrie jemand im Hintergrund und Daiki musste das Handy von seinem Ohr fernhalten, um keinen Hörschaden zu bekommen. Yoshio lachte laut auf und seine Stimme klang plötzlich ziemlich fern, so als hätte er das Handy auf dem Boden gelegt. „Shio? Was zum Geier ist bei dir los?! Shio? HALLO?!“, aber es kam keine Antwort. Sein Herz klopfte schnell und er hoffte, dass bei ihm alles in Ordnung sein würde. „Wie hast du mich gerade genannt?!“. Dann eine kurze Stille. „Argh! Scheiße, nein! HÖR AUF!“. Jemand nahm das Handy wieder in die Hand. „Daiki? Bist du noch dran?“, Yoshios angenehme tiefe Stimme war wieder zu hören und Daiki war für einen Moment mehr als nur erleichtert. „Was zur Hölle ist bei dir los?!“
Yoshio, den eigentlich fast jeder hier im Dorf nur Shio nannte, war ein guter Freund von Daiki, der sich aber gerne mal in Schlägereien verwickeln ließ. Ihn aufhalten konnte man fast nie. Er machte stets, was er wollte und Regeln existierten in seiner Welt nicht. Nicht selten traf er ihn mit irgendwelchen Verletzungen an, die ihm aber nichts auszumachen schienen. Im Gegenteil, er zeigte diese Wunden immer voller stolz seinen Freunden und grinste sich dabei stets einen ab. Er verlor selten irgendwelche Straßenkämpfe, dafür war er einfach viel zu „talentiert“.
„Warte, ich rufe dich gleich wieder an!“, mit diesen Worten legte Yoshio auch schon auf.

In der Gruppe war er der Bad Boy, wie er im Buche stand und die Mädchen im Dorf schwärmten nur so von ihm. Daiki hatte sogar einmal in der einzigen Schwulenbar Konohas ein paar Gesprächsfetzen über Yoshio mitbekommen. Selbst hier waren ihm viele Männer verfallen. Sein Image schien bei einigen einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, selbst wenn er eigentlich ein schwieriger Zeitgenosse war. Als er Yoshio dies eines Tages erzählte, wollte er von Daiki jedoch eher wissen was er bitte in einer Schwulenbar verloren hatte. 

„Ich mag die Drinks dort, die sind wirklich gut und ich bekomme sie meistens gratis.“, hatte er damals mit geröteten Wangen geantwortet. Yoshio legte einen muskulösen Arm um seinen 20 cm kleineren Kumpel. 

„Tsk. Wenn du wirklich guten Alkohol probieren möchtest, dann solltest du zu unserer Kneipe kommen, Dai. Ryu ist zwar ein durchgeknallter Idiot, aber eines muss ich ihm lassen, mit Alkohol kennt er sich aus.“, hatte Yoshio dann zurückgegeben und machte mit seiner anderen Hand eine Bewegung, die Alkoholtrinken darstellen sollte.
Yoshio ähnelte vom Charakter her Ryusei sehr stark, was die anderen den beiden auch oft genug an den Kopf warfen. Meistens im negativen Sinne versteht sich. Beide waren grobe, streitsüchtige Menschen mit einer Vorliebe für Zigaretten und Alkohol. 

Daiki setzte sich wieder in Bewegung, nur dieses Mal beschleunigte er seine Schritte, um möglichst schnell am Treffpunkt anzukommen. Als er um die Ecke bog, stieß er plötzlich mit jemandem zusammen und fiel nach hinten.

„Ah, verdammt! Alles in Ordnung?“, er rieb sich gerade seinen Rücken, als eine Hand vor seinem Gesicht auftauchte. Er blickte auf und sah in graue erschrockene Augen. „Oh mein Gott, Daiki!! Ist alles in Ordnung?! Ich hoffe, ich habe dir nicht wehgetan!“, sofort wurde er hochgezogen und von oben bis unten abgeklopft. „Tut mir schrecklich Leid! Ich war so in meinen Gedanken versunken.“ „Ach, Shi, du bist das. Keine Sorge, mir geht es gut.“, Daiki musste Ishida beim Versuch seine Haare zu richten stoppen, da diese etwas durcheinander gekommen waren. Dann fragte er ihn wo er denn hingehe, da er gerade zu ihnen auf dem Weg sei. 

Ishida war ein Träumer durch und durch. Er machte meistens Waldspaziergänge und stellte sich die verschiedensten Fragen. Zum Beispiel, ob Vampire existieren und wenn ja, wie kämen sie mit der heutigen Technik zurecht? Haben sie vielleicht einen Menschenblutlieferservice? Vielleicht ein spezielles Hotel mit Särgen? Oder bevorzugen sie vielleicht doch lieber normale Betten? Antworten hatte er jedoch nicht auf seine Fragen oder Gedankengänge, aber das war nicht schlimm. Nicht selten wurde er wegen seiner Tragträumereien schief angesehen. Dabei war er eigentlich ein freundlicher und offener Mensch, der nur lieber in seiner eigenen kleinen Welt war, als in der wirklichen. Yoshio war sich sicher, dass Ishida bestimmt heimlich irgendwelche Drogen nahm, denn seiner Meinung nach, konnte man nur so drauf sein wie er, wenn man high war. 

„Ich wollte dir Bescheid sagen, dass wir uns doch erst heute Abend im Nudelrestaurant treffen werden. Ryu hat einen Tisch reserviert und zwar im oberen Stockwerk!“ „So besonders ist es da oben doch auch wieder nicht, Shi.“ „Eigentlich schon, aber von dort kann man den Himmel am besten sehen.“, antwortete er lächelnd und Daiki war für einen kurzen Moment sprachlos. Er kannte ihn schon seit Kindertagen, doch an sein Lächeln würde er sich wohl niemals gewöhnen. Es verschlug ihm jedes Mal die Sprache und er fragte sich ständig, wie er es schaffte so charmant auszusehen. 
„Wieso hat mir Shio dann nicht gesagt, dass wir uns später treffen, als er mich angerufen hat?“
„Vielleicht, weil er Shio ist?“
„Okay, 1:0 für dich.“

Die beiden einigten sich darauf sich erst einmal zu verabschieden, da sie sich ohnehin später wiedersehen würden. Ishida erkundigte sich jedoch noch einmal, ob es Daiki wirklich gut ging und als dieser ihm zum zehnten Mal versicherte, dass alles in bester Ordnung war, machte er sich auch schließlich auf dem Weg
Daiki überlegte für einen Moment und sah auf die Uhr. Es war erst 14 Uhr und das bedeutete genügend Zeit für ein Nickerchen bis zum abendlichen Treffen! Er war heilfroh, dass er die Gelegenheit bekommen hatte ein wenig schlafen zu können, denn so langsam bekam er sogar Kopfschmerzen. Er starrte hinauf zum Himmel und schloss die Augen. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging nach Hause.



„Sanya Minamoto?“, eine junge Krankenschwester mit einem rotem Klemmbrett in der Armbeuge stand an der Tür zum Wartezimmer und starrte in die Menge. „Ja, hier.“, meldete sich eine kindliche Stimme. „Deine Blutwertergebnisse können jetzt mit dem Doktor besprochen werden. Folge mir bitte.“ Die Angesprochene stand von ihrem Sitzplatz auf, glättete ihr hellgrünes Lieblingskleid und folgte der Dame ins nächste Besprechungszimmer, wo man ihr mit einer Handbewegung bedeutete sich zu setzen.
„Der Doktor wird gleich da sein.“, sagte die junge Frau sanft und lächelte. Sie ging hinaus und schloss die Türe hinter sich zu. Jetzt war die 16 Jährige alleine in dem großen, weißen und nach desinfektionsmittelriechendem Zimmer. Eigentlich war sie es gewohnt. Krankenhäuser oder Ärzte hatte sie in den letzten Jahren öfter besucht, als sonst wer, den sie kannte. Sie hatte sich an die langen Wartezeiten gewöhnt, den Spritzen, den schwierigen medizinischen Begriffe und an den strengen antiseptischen Geruch. Das Einzige, woran sie sich bisher noch nicht so richtig gewöhnen konnte, war das Warten auf den Arzt, der dann die wichtigen Ergebnisse verkündete. Sie war jedes Mal aufgeregt und nervös, denn schließlich ging es hier um ihre Gesundheit und sie achtete darauf ihren Körper nicht zu überanstrengen oder ihn mit ungesunden Müll zu füllen. Das peinliche an ihrer Nervosität war, dass wenn sie nervös wurde, sie immer einen Schluckauf bekam. Ihr Arzt fand das immer sehr belustigend und verglich sie stets mit seiner kleinen Tochter, die erst 6 Jahre alt war, was Sanya nicht verstand. 
„So, dann wollen wir mal. Tut mir Leid für die Verspätung.“, Sanya zuckte kurz zusammen, sie hatte sich erschreckt, als ihr Arzt herein kam. Er hatte die Angewohnheit die Türe immer ohne Vorwarnung sofort aufzureißen und sie mit einer etwas lauten Stimme zu begrüßen. Sie hatte aber nie den Mut gehabt, ihm das mal zu sagen, denn es störte sie wirklich, aber sie wollte seine Gefühle nicht verletzen. 

„Na, dann sehen wir mal nach deinen Blutwerten. Hm...okay...Ah!“

„S-Stimmt etwas nicht?!“, wollte Sanya sofort wissen. Ihr kleines Herz klopfte schnell und sie starrte ihren Arzt ohne mit der Wimper zu zucken an, der ihr gegenüber auf seinem Chefsessel saß.

Er lächelte. „Deine Blutwerte sind in Ordnung, keine Auffälligkeiten.“ Er legte die Ergebnisse auf dem Tisch und faltete seine Hände ineinander. „Komm am besten in 2 oder 3 Monaten noch einmal zum Blut abnehmen hier her. Regelmäßige Kontrollen sind in deinem Fall sehr wichtig, aber das weißt du ja bereits.“ Sanya war erleichtert und sie konnte fühlen, wie sich ihr Herz wieder beruhigte. „Vielen Dank, Doktor! Ich bin so froh.“

Als sie vor dem Krankenhaus von Konoha stand, blickte sie noch einmal kurz zurück, ehe sie weiterging. Es war ganz anders als das in Sunagakure, das viel moderner und größer war im Vergleich. Aber dann dachte sie daran, dass das normal sei, da Konoha ja ein Dorf war. 
Sie holte ihr Handy heraus und las die Nachricht, dass sie sich alle heute Abend im Nudelrestaurant treffen würden. Daiki hatte ihr schnell Bescheid gesagt. Dann sah sie auf die Uhr: 14:30 Uhr. Sie hatte 2 Stunden im Krankenhaus warten müssen für ein 5 minütiges Gespräch. In die Schule war sie heute auch nicht gegangen wegen des Termins. Mit ihren Freunden konnte sie sich auch nicht sofort treffen. Sie wollte nachkommen, wenn sie hier fertig war, was sie auch ein wenig traurig machte, denn sie hatte sich auf das Eis mit den anderen schon sehr gefreut. Es war Anfang April, aber heute glich das Wetter ausnahmsweise einem Julitag, worüber sie sich sehr freute, denn sie liebte Sonnenschein und den Duft der blühenden Blumen auf den grünen Wiesen. Der wolkenlose Himmel war so blau, dass sie fast schon sentimental wurde. Heute war ein guter Tag, dachte sie.



Geschrei und Gelächter übertönten die zittrige Stimme des unsicheren Vertretungslehrers. Er hatte noch nicht viel Erfahrung als Lehrer gemacht und war schockiert, wie frech und schlecht erzogen viele von ihnen in dieser Klasse waren. Niemand hörte auf seine Rufe und niemandem interessierten seine Drohungen zum Direktor zu gehen, stattdessen bewarfen manche ihn mit Papierkügelchen und scheuchten ihn aus dem Zimmer. 
„Wie kann man nur so schwach sein?“, sagte der 17 Jährige Akuma leise zu sich selbst, der ganz hinten neben dem Fenster saß, als er sah wie der Vertretungslehrer schwitzend und überfordert das Klassenzimmer verließ. Er wippte ununterbrochen mit seinem Bein auf und ab und starrte gelangweilt nach draußen in den Schulhof. Es war herrliches Wetter und er wollte einfach nur rausgehen und sich bewegen. Den Wind und die Wärme auf seinem Gesicht spüren. Aber das konnte er für's erste vergessen, denn er war noch eine Stunde lang in dieser Hölle gefangen, die sich Schule nannte. Leider war er in der schlimmsten Klasse seiner Stufe gelandet und musste sich nun mit diesen hohlen Idioten abgeben, die ihm jeden Tag auf die Nerven gingen. Was ihm aber noch mehr auf die Nerven ging als diese ganzen Intelligenzallergiker, wie er sie alle gerne nannte, waren seine Schuhe. Akuma mochte kein festes Schuhwerk. Am liebsten hätte er sie hier und jetzt ausgezogen, aber dann würden seine Mitschüler wieder einen Aufstand machen und darauf hatte er im Moment wirklich keine Lust. Sobald die Schule zu Ende war, würde er sie sofort gegen seine Barfußschuhe eintauschen. Nach der Schule musste er ohnehin arbeiten und da konnte er die Schuhe tragen, die er wollte. 

Er verbrachte die Stunde damit sein Gesicht auf die Tischfläche zu legen und mit seinen Fingern drauf zu trommeln, während er mit seinen beiden Füßen auf und abwippte. Etwas besseres fiel ihm heute nicht ein. Er wollte einfach nur gehen. Als die erlösende Klingel läutete war er der Erste, der das Klassenzimmer verließ. Jetzt schnell nach draußen und die Schuhe ausziehen!
„Schon viel besser!“, sagte er erleichtert und bewegte seine Zehen. Dann überquerte er schnell den Schulhof und lief nach Hause. Es war 15:30 Uhr und in 10 min. müsste er arbeiten. Er fing an zu rennen und freute sich über jeden kleinen Stein, den er unter seinen Füßen spürte. Das Wetter war herrlich und der Wind wehte ihm direkt in das Gesicht. Mit jeder Bewegung fühlte er sich lebendiger und seine Laune besserte sich. Es war grauenvoll den ganzen Tag nur herum zu sitzen, ohne sich richtig bewegen zu können. 
Nach der Arbeit traf er sich mit den anderen noch im Nudelrestaurant zum gemeinsamen Essen. Er freute sich schon auf seine Lieblingsnudelsuppe, die er sich garantiert mit niemanden teilen würde. Letztes Mal wollte Daiki ein wenig von seinem Hühnchen probieren und er ließ es nur widerwillig zu. 

Akuma schaffte es rechtzeitig zur Arbeit zu erscheinen und fing auch schon an die Regale mit Büchern zu füllen oder abzukassieren. Hin und wieder half er seinem Chef im Hinterzimmer mit schweren Kisten oder dekorierte die beiden Schaufenster des Buchladens. Nach vier Stunden hatte er endlich Feierabend und er zog sich im Hinterzimmer um. Dann verabschiedete er sich von seinem Chef und wünschte ihm einen schönen Feierabend. Als er draußen war, war die Sonne schon fast untergegangen und er freute sich schon auf die Nacht und die Sterne. Akuma sog die frische Luft ein und machte sich schließlich auf dem Weg zu seinen Freunden, die im Nudelrestaurant bereits auf ihn warteten. Heute würde er sich auf jeden Fall zwei Schüsseln Nudelsuppe gönnen.

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